Dysphagie bei Morbus Parkinson
- Nora Eiermann

- vor 2 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Informationen für Patient*innen und Angehörige
Schlucken ist ein hochkomplexer sensomotorischer Prozess, der in der Regel unbewusst und automatisiert abläuft. Neben der reinen Nahrungsaufnahme erfüllt er zentrale Funktionen für Lebensqualität, Genuss und soziale Teilhabe.
Bei Morbus Parkinson (sowie atypischen und sekundären Parkinsonsyndromen) kann dieser fein abgestimmte Ablauf beeinträchtigt sein. Schluckstörungen (Dysphagien) gehören zu den häufigen, aber oft unterschätzten Begleitsymptomen der Erkrankung.
Schlucken – ein koordinierter Mehrphasenvorgang
Der physiologische Schluckakt gliedert sich in mehrere Phasen, die eng ineinandergreifen:
Präorale Phase: Wahrnehmung der Nahrung, Speichelproduktion, Haltungsaufbau, Vorbereitung auf die Nahrungsaufnahme
Orale Vorbereitungsphase: Zerkleinern und Einspeicheln der Nahrung („Kauphase“)
Orale Transportphase: gezielter Transport des Speisebreis/der Flüssigkeit (= Bolus) in Richtung Rachen
Pharyngeale Phase: Reflexgesteuerte Weiterleitung der Nahrung bei gleichzeitigem Atemwegsschutz
Ösophageale Phase: Transport des Bolus durch die Speiseröhre in den Magen
Störungen können in einer oder mehreren dieser Phasen auftreten.
Pathophysiologie der Dysphagie bei Parkinson
Die Kardinalsymptome von Morbus Parkinson sind Tremor („Muskelzittern“), Rigidität („Muskelsteifheit“), Akinese („Bewegungsarmut“) und posturale Instabilität (eingeschränkte Halte- und Stellreflexe). Diese motorischen Einschränkungen betreffen im Verlauf häufig auch die an der Nahrungsaufnahme beteiligten Muskelgruppen. Die Symptomatik ist oft vielschichtig und kann sämtliche Schluckphasen betreffen.
Hinzu können sensorische Defizite sowie eine oft reduzierte automatische Steuerung von Bewegungsabläufen kommen. Das kann dazu führen, dass der Schluckvorgang unkoordiniert, weniger effizient, zeitlich verzögert und fehleranfälliger wird.
Anzeichen einer Dysphagie im Alltag
Für Patient*innen mit Morbus Parkinson und Angehörige sind folgende Beobachtungen beim Essen und Trinken besonders relevant:
vermehrter Speichelfluss oder Nahrungsverlust aus dem Mund
Schwierigkeiten beim Kauen, häufiges Verbleiben von Speiseresten in Mund und Wangentaschen
verlängerte Essensdauer, subjektiv als anstrengend empfundene Nahrungsaufnahme
wiederholte „Pumpbewegungen“der Zunge, Schwierigkeiten, das Schlucken auszulösen
häufiges Husten oder Räuspern beim Essen und Trinken
„gurgelige“ oder belegte Stimme nach dem Schlucken
Gefühl, dass Nahrung „stecken bleibt“; Fremdkörper- oder Druckgefühl im Rachen- / Kehlkopfbereich
ungewollter Gewichtsverlust oder Mangelernährung
wiederkehrende Atemwegsinfekte oder Lungenentzündungen
-> Die beschriebenen Auffälligkeiten können dazu führen, dass das Essen und Trinken als anstrengend empfunden und zunehmend vermieden wird.
-> Dies geht häufig mit einem sozialen Rückzug einher.
-> Darüber hinaus kann ein ungewollter Gewichtsverlust sowie eine medizinisch bedeutsame Mangelernährung entstehen.
-> Auch sind wiederkehrende Atemwegsinfekte oder Lungenentzündungen eine mögliche Folge – diese entstehen durch sogenannte „Aspirationen“, wenn Teile von Nahrung, Flüssigkeit oder Speichel in die Atemwege unterhalb der Stimmlippen eindringen und dort eine Entzündungsreaktion auslösen.
Eine Aspiration macht sich – von außen beobachtbar – häufig durch starkes Husten beim Essen und Trinken bemerkbar.
Wichtig ist allerdings zu wissen: Nicht jede Aspiration geht mit Husten einher – insbesondere bei Parkinson kann sie unbemerkt („still“) verlaufen.
Es ist daher sehr wichtig, bei Anzeichen auf eine Schluckstörung bei Morbus Parkinson eine umfassende logopädische Diagnostik in Anspruch zu nehmen, um die Symptomatik detailliert zu erfassen und vor allem sinnvolle Behandlungsmöglichkeiten abzuleiten.
Therapeutische Zielsetzung
Die logopädische Dysphagietherapie verfolgt stets einen funktionellen und alltagsorientierten Ansatz. Zentrale Ziele sind:
Sicherung der oralen Ernährung (ausreichende und möglichst effiziente Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeiten)
Reduktion des Aspirationsrisikos (Erarbeitung einer möglichst sicheren, risikoarmen Schluckfunktion)
Erhalt bzw. Verbesserung der Schluckfunktion
Insgesamt: Steigerung von Effizienz, Sicherheit und Genuss beim Essen und Trinken, Erhalt von Lebensqualität und sozialer Teilhabe
Therapeutische Ansätze
Die logopädische Behandlung wird individuell angepasst und kann folgende Bausteine umfassen:
Funktionelles Training
Kräftigungs- und Beweglichkeitsübungen für die Muskulatur von Zunge, Lippen, Kiefer, Rachen und Kehlkopf
Koordinationsübungen für den Schluckablauf
Die funktionellen Behandlungsmethoden können sinnvoll durch sogenannte Biofeedbackverfahren ergänzt werden (z.B. FEES – Videoendoskopie des Schluckakts oder Elektromyographie), bei denen die Patient*innen eine direkte visuelle Rückmeldung über die Qualität des Schluckakts erhalten.
Weitere evidenzbasierte Therapieverfahren sind das
Lee Silverman voice treatment (LSVT-Loud) (ursprünglich Phonationstraining, positiver Einfluss auch auf die Schluckleistung) sowie die Anwendung des
Expiratory muscle strength training (EMST) (Ausatmungstrainingsgerät mit positivem Einfluss auf die Schluckleistung).
Sensomotorische Stimulation
Förderung der Wahrnehmung im Mund- und Rachenraum
Unterstützung der Schluckreflexauslösung
Tonusregulierung (Spannungsauf- oder abbau, z.B. durch manuelle Behandlung)
Kompensatorische Strategien
Haltungsanpassungen
Anwendung spezieller Schlucktechniken für ein möglichst sicheres und effizientes Schlucken
Adaptation
Konsistenzanpassung der Nahrung
Einsatz geeigneter Hilfsmittel
Anpassung der Esssituation
Bei Bedarf Hinzuziehen hochkalorischer Zusatznahrung
Bei Bedarf Evaluation von Sondenkost
Die Behandlung wird stets an die individuelle Symptomatik sowie die Bedürfnisse der Patient*innen angepasst.
Neben den logopädischen Therapieverfahren können im Einzelfall weitere (medizinische) Behandlungsmöglichkeiten in Betracht kommen:
Grundsätzlich sollte konstant überprüft werden, ob die Schluckfunktion durch eine Optimierung der Medikation und des damit verbundenen Ganzkörperzustandes verbessert werden.
Im Einzelfall kann die Möglichkeit der tiefen Hirnstammstimulation, Transkraniellen Magnetstimulation oder Transkraniellen Gleichstromstimulation diskutiert werden.
Eine (Pseudo-)Hypersalivation, d.h. ein übermäßiger Speichelfluss, kann im Einzelfall durch anticholinerge Medikation (im off-label-Gebrauch) oder die Injektion von Botolinumtoxin behandelt werden.
Begleitende Symptome: Stimme und Mimik
Bei vielen Patient*innen treten zusätzlich Sprechstörungen (Dysarthrie/Dysarthrophonie) und eine reduzierte Mimik (Hypomimie) auf. Diese können die Kommunikation erschweren und stehen häufig in Zusammenhang mit der Dysphagie.
Eine gezielte logopädische Mitbehandlung – z. B. nach dem LSVT-LOUD®-Ansatz – kann hier sinnvoll sein.
Bedeutung des Eigentrainings
Therapieeffekte entstehen vor allem durch regelmäßige Wiederholung. Hintergrund ist die Neuroplastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Training anzupassen.
Eigentraining:
stabilisiert therapeutische Fortschritte
verbessert den Transfer in den Alltag
stärkt die Eigenkompetenz der Patient*innen
Digitale Unterstützung
Therapiebegleitende Anwendungen wie die App phagifit können das Eigentraining strukturieren und unterstützen, z. B. durch:
individuell freigeschaltete Übungsprogramme
Videoanleitungen
Erinnerungsfunktionen (z. B. Schluckwecker)
alltagsnahe Informationen zur Dysphagie
Fazit
Dysphagie bei Morbus Parkinson ist ein komplexes und häufiges Symptom mit potenziell ernsthaften Folgen. Gleichzeitig bestehen gute therapeutische Möglichkeiten.
Eine frühzeitige Diagnostik, individuell angepasste Therapie und konsequentes Eigentraining sind entscheidend, um:
die Schluckeffizienz und -sicherheit zu erhöhen
Komplikationen zu vermeiden
und Lebensqualität langfristig zu erhalten.







Kommentare