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Dysphagie bei Kopf-Hals-Tumor

  • Autorenbild: Nora Eiermann
    Nora Eiermann
  • 6. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit



Was Betroffene und Angehörige wissen sollten – und wie Logopädie unterstützen kann


Schluckstörungen (Dysphagien) können aus vielen unterschiedlichen Gründen entstehen. Eine häufige Ursache im Erwachsenenalter sind Erkrankungen im Kopf-Hals-Bereich, insbesondere Tumore der Mundhöhle, des Rachens oder des Kehlkopfs.

Sowohl der Tumor selbst als auch die notwendige onkologische Behandlung können eine Dysphagie verursachen.


Kopf-Hals-Tumoren werden – abhängig von Art, Lage und Stadium – meist multimodal behandelt. Zum Einsatz kommen Operationen, Strahlentherapie und häufig auch Chemotherapie oder Immuntherapien, oft in Kombination. Diese Behandlungen sind medizinisch notwendig und häufig lebensrettend. Gleichzeitig können sie Strukturen beeinträchtigen, die für das Kauen, Schlucken, Sprechen und den Speichelfluss entscheidend sind. Schluckstörungen gehören daher zu den häufigen behandlungsbedingten Nebenwirkungen.


Wichtig vorweg: Die Ausprägung einer Dysphagie bei Kopf-Hals-Tumor ist sehr unterschiedlich.

Ob, wann und in welchem Ausmaß Beschwerden auftreten, hängt unter anderem ab von:

  • Tumorart, -größe und -lage

  • bei Operation: Art und Umfang des operativen Eingriffs

  • bei Radiotherapie: Bestrahlungsdosis und -feld

  • (Ziel ist eine möglichst wirksame Tumorkontrolle bei gleichzeitig maximaler Schonung der schluckrelevanten Strukturen)

  • Kombination mit Chemotherapie

  • Vorerkrankungen und Allgemeinzustand, auch: Zahnstatus/Mundgesundheit

  • Alter und Belastbarkeit

  • frühzeitiger Beratung und funktioneller Begleitung (z. B. Logopädie)


Auch bei ähnlicher medizinischer Ausgangslage können individuelle Verläufe stark variieren.


 

Welche behandlungsbedingten Auswirkungen können auftreten?

 

Onkologische Therapien wirken gezielt gegen Tumorgewebe, betreffen jedoch zwangsläufig auch gesundes Gewebe. Funktionelle Folgen können während der Behandlung, kurz danach oder erst Monate bis Jahre später auftreten. Sie können sich im Verlauf verändern, abschwächen oder auch verzögert zunehmen.

Mögliche therapiebedingte Folgen (mit Bezug zum Schlucken) sind:



Schleimhautentzündung (Mukositis)

  • bedingt durch Strahlen- und/oder Chemotherapie 

  • Schmerzen, Brennen, offene Stellen im Mund- und Rachenraum

  • begünstigt Bakterien- und Pilzbesiedelung

-> Das Schlucken kann stark schmerzhaft oder zeitweise kaum bis gar nicht möglich sein (-> Risiko: Mangelernährung). 

-> Das reduzierte Schlucken kann wiederum Funktionsverluste begünstigen. 


Mundtrockenheit (Xerostomie)

  • bedingt durch Schädigung der Speicheldrüsen und der Schleimhäute in Mund und Rachen, durch Bestrahlung und/oder operative Eingriffe

  • Speichel fehlt als wichtiges „Gleitmittel“ 

-> Nahrungsreste verbleiben häufig im Mund, das Schlucken insb. fester Speisen wird anstrengender, teils auch schmerzhaft. 

-> Die Mundtrockenheit beeinträchtigt zusätzlich das Sprechen, das Geschmacksempfinden sowie die Mundgesundheit (Speichel wirkt antibakteriell, antiviral und remineralisiert die Zähne). 


Muskuläre Veränderungen und Koordinationsstörungen

  • bedingt durch

-operative Eingriffe (Gewebeverlust, operationsbedingte Narbenzüge mit Auswirkungen auf die umliegende Muskulatur)

- bestrahlungsbedingte Gewebeschäden und Neuropathien (Nervenschädigungen)

  • eingeschränkte Beweglichkeit und Kraft der schluckrelevanten Muskulatur, Schluckbewegungen können oft nur unvollständig ausgeführt werden

  • häufig: Trismus (eingeschränkte Kieferöffnung)

-> Das Kauen und Schlucken kann erschwert bzw. stark eingeschränkt sein. 

-> Nahrungs- oder Flüssigkeitsreste verbleiben häufig im Mund-, Rachen- oder Kehlkopfraum.

-> Bei unzureichendem Schutz der Atemwege besteht ein erhöhtes Aspirationsrisiko (Eindringen von Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege), dies kann wiederum Folgekomplikationen wie Lungenentzündungen hervorrufen.


Gewebeverhärtung (Fibrosierung)

  • häufige Nebenwirkung einer Strahlentherapie

  • entwickelt sich zumeist schleichend, kann Monate oder Jahre nach Abschluss der Therapie auftreten

-> Die zunehmende Fibrosierung führt zu Steifheit und eingeschränktem Bewegungsumfang des Schluckapparats. Sie kann nicht rückgängig gemacht werden. 


Sensibilitätsveränderung

  • bedingt durch Gewebeschäden, Fibrosierung, Neuropathien (Nervenschädigung)

  • eingeschränkte Wahrnehmung im Mund- und Rachenraum

-> Reste von Nahrung und Flüssigkeit im Mundraum/ Rachen/Kehlkopf werden schlechter gespürt. 

-> Aspirationsereignisse können unbemerkt bleiben („stille Aspiration“). 


Geschmacksveränderung (Dysgeusie/Ageusie)

  • bedingt durch operative Eingriffe, Bestrahlungstherapie (Verlust von Geschmacksknopsen, Nervenschädigung), Chemotherapie

-> Die veränderte/aufgehobene Geschmackswahrnehmung kann zu Appetitlosigkeit führen. Die reduzierte Nahrungsaufnahme wiederum bedingt Folgekomplikationen wie bspw. Mangelernährung und Gewichtsverlust.


Lymphödem

  • bedingt durch operative Eingriffe (Lymphknotenentfernung), Bestrahlungstherapie

  • verursacht Lymphstau/Flüssigkeitsansammlungen im umliegenden Gewebe

-> Es kommt zu einem Schweregefühl, Spannungs-zuständen/Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Das verursacht Unwohlsein und kann die Schluckfunktion beeinträchtigen. 

-> Auch können Lymphödeme die Abwehrmechanismen im betroffenen Bereich herabsetzen und Entzündungsprozesse begünstigen. 

-> Nicht behandelte Lymphödeme führen zu Eiweißablagerungen und im weiteren Verlauf zu Fibrosen (s.o.) im betroffenen Bereich.



Nicht alle diese Folgen treten bei jeder Person auf. Manche bilden sich (teilweise) zurück, andere bleiben bestehen oder zeigen sich erst mit zeitlicher Verzögerung.

Die genannten Symptome können erhebliches Unwohlsein verursachen und die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. 

Sie können dazu führen, dass Betroffene nicht mehr ausreichend essen und trinken (können) – aufgrund von Appetitlosigkeit, starken Schmerzen oder funktionellen Einschränkungen.

Weitere Folgen sind dann Mangelernährung, Gewichtsverlust, Kraftverlust, reduzierter Allgemeinzustand, verlangsamte Wundheilung und erhöhte Infektanfälligkei, sowie häufig sozialer Rückzug und eingeschränkte Teilnahme am öffentlichen Leben. 

Auch kann die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme mit

Risiken wie schwerem Verschlucken und daraus entstehenden (wiederkehrenden) Lungenentzündungen verbunden sein. 

 


Was kann Logopädie leisten?


Logopädie begleitet Menschen mit Kopf-Hals-Tumoren vor, während und nach der onkologischen Behandlung. Ziel ist Schlucksicherheit, Funktions­erhalt und Lebensqualität – immer angepasst an den aktuellen Gesundheitszustand und die individuelle Symptomatik. 


Vor Beginn der (medizinischen) Behandlung

  • Erfassung des Ausgangszustands

  • Aufklärung über mögliche funktionelle Veränderungen

  • Einüben präventiver Schluck- und Beweglichkeitsübungen

  • Ziel: Funktionsverlusten möglichst vorbeugen


Während der (medizinischen) Behandlung

  • Beratung zu geeigneten Konsistenzen von Nahrung und Flüssigkeit, Strategien für eine möglichst sichere/schmerzfreie Nahrungsaufnahme, Sicherstellung einer ausreichenden Ernährung, Entlastung und Umgang mit den Einschränkungen

  • enge Zusammenarbeit mit dem medizinischen Behandlungsteam


Nach Abschluss der (medizinischen) Behandlung

  • kontinuierliche Unterstützung bei langfristigen oder spät auftretenden Folgen

  • nach Möglichkeit: Wiederherstellung der Schluckfunktion durch funktionelle/manuelle Übungsbehandlung

  • sofern erforderlich/möglich: Erarbeitung von Kompensationsstrategien beim Schlucken

  • kontinuierliche Reduktion von Aspirationsrisiken, Sicherstellung einer ausreichenden Ernährung, Schmerzmanagement


Logopädie kann Beschwerden nicht immer vollständig beheben, trägt aber häufig entscheidend dazu bei, Verschlechterungen zu vermeiden, die schluckbezogene Sicherheit zu erhöhen, das Schlucken angenehmer und schmerzfreier zu gestalten, eine ausreichende Ernährung sicherzustellen und angemessen mit den Symptomen umzugehen. 



FAZIT: Wann ist logopädische Unterstützung besonders wichtig?


  • Wenn das Schlucken schmerzhaft oder anstrengend wird

  • Wenn Nahrung oder Flüssigkeit „stecken bleibt“

  • Bei häufigem Husten oder Räuspern nach dem Schlucken

  • Bei reduzierter Hustenkraft

  • Bei ungewolltem Gewichtsverlust

  • Bei ausgeprägter Mundtrockenheit

  • Wenn Essen zunehmend vermieden wird

  • Wenn das Sprechen undeutlich oder anstrengend wird

  • Wenn die Stimme nicht mehr leistungsfähig ist oder stark eingeschränkt

  • Auch ohne akute Beschwerden – zur Prävention und Funktions­erhaltung


Wichtig: Auch Monate oder Jahre nach Abschluss der Krebstherapie kann Logopädie sinnvoll sein, insbesondere bei neu auftretenden oder zunehmenden Beschwerden.


 

Weiterführende Informationen & Selbsthilfe


Weitere wichtige und hilfreiche Informationen zum Umgang (Symptome, Diagnose, Therapie, Nachsorge) mit einer Kopf-Hals-Tumor-Erkrankung finden sich z.B. auf den Seiten des Selbsthilfenetzwerks Kopf-Hals-Mund-Krebs e.V.:





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